Predigt zum 6. Sonntag nach Ostern (Exaudi (höre))

von Pfrin Beate Ehlert, Hohes Lohr

 

Jeremia 31, 31-34 

 

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: „Erkenne den Herrn“, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

 

Liebe Gemeinde!

 

Sie sind im oberen Teil des Hauses, wo sie immer versammelt sind, zusammen. Die elf Jünger. Dazu Maria Magdalena und Johanna und Maria, die Mutter Jesu, und seine Brüder. Sie sitzen zusammen. So erzählt es das Lukasevangelium. Sie beten.  

 

Vielleicht mit den Worten aus Psalm 27. Den man im Volk Israel betet. Schon immer gebetet hat.  Wenn sie unsicher waren, wenn sie sich Sorgen machten, wenn sie Gott gern gehört oder gespürt hätten. Wenn sie ihn angefleht haben, sich zu zeigen, zu helfen, die Not zu lindern, die gerade auf ihnen lastet. „HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir!“ Sie sitzen zusammen, beten und gehen nicht raus. Wollen nicht. Sozusagen eine selbst gewählte Ausgangsbeschränkung. Können nicht. Wie auch? 

 

Jesus ist weg. Jedenfalls hat er sich von ihnen verabschiedet. Sie sehen ihn nicht mehr. Sie warten darauf, dass sich erfüllt, was er versprochen hat: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein“. Der ist aber noch nicht gekommen. Und so warten und hoffen sie, vertrauen und beten.

 

Sehr schöne Erfahrungen haben sie in der Vergangenheit gemacht. Und sie haben gr0ße Verheißungen im Herzen. „Siehe, es kommt die Zeit“. Für sie heißt Glauben: warten.

 

Wir lernen das seit vielen Wochen. Wir warten. Es fällt uns schwer. Je länger, je mehr. Wir wollen eine Perspektive, am besten ein Datum. Wann ist es vorbei? Wann ist es wieder gut, also wie vorher? Manche wollen das komplette Ende vom ‚lockdown‘. Je schneller, desto besser. Und dazu kommt: Plötzlich haben wir eine ungeahnte Schar von Hobby-Virologen unter uns, die schon immer wussten, dass das alles Unsinn ist, was gerade passiert

 

Viele werden ungeduldig. Gehen auf die Straßen und Plätze. Fordern. Kritisieren. Wir wollen nicht mehr warten. Wir wollen alles. Jetzt. Sofort. Das ist unser Recht. Wir sind das Volk. Ungeduld wird laut. Auch hier bei uns. 

 

Manche verstehen nicht, warum es in unseren Kirchen auch Abstandsregeln und Vorsichtsmaßnahmen gibt. Warum sie nicht dort sitzen dürfen, wo sie immer saßen. Und manche wollen endlich wieder singen im Gottesdienst… Das ein halbes Jahr meiner Lebenszeit mal nicht so läuft, wie ich es gerne hätte, das darf nicht sein. Da werden manche egoistisch.

 

Siehe, es kommt die Zeit. Können wir warten? Warten, weil wir glauben. Warten, weil wir vertrauen. Anstatt zu denken, wir müssen nicht mehr warten. Wir haben alles. Jetzt schon. Also los. Manchmal drängt sich dieser Eindruck auf. 

 

Wenn ich Verheißungsworte an das Volk Israel 600 Jahre vor Christus höre, von den Propheten in schwieriger Zeit verkündigt, dann bewundere ich manchmal ihre scheinbare Geduld. Denn: Eine grausame politische Niederlage mussten sie hinnehmen. Die Stadt Jerusalem war verwüstet. Der Tempel zerstört. Leben fand in der Fremde statt oder in Trümmern. Es gibt keine konkrete Aussicht und wenig Hoffnung. 

 

Und vielleicht gab es die Ahnung, den Gedanken: wir sind selbst schuld, wir haben unserem Gott nicht vertraut, obwohl wir uns immer und immer wieder daran erinnern, wie er geholfen hat in aussichtsloser Lage. Wie er uns gerettet und befreit hat. Vor einem übermächtigen Feind. Aus Sklaverei und Unterdrückung. Auf einem langen und mühsamen Weg hat er uns durch die Wüste geführt. Er war da, und er hat uns begleitet. Aber wir haben uns abgewendet. Darum ist er zornig. Was wir erleben, ist seine Strafe. So das Volk Israel.

 

Wenn der Prophet nun wieder Hoffnung macht und als Wort des Herrn sagt: Siehe, es kommt die Zeit, dann warten sie. Das ist ihre Geschichte. Das ist ihr Glaube.

 

Manche glauben: Für uns Christen heute ist alles erfüllt. Christus ist längst gekommen. Er ist da. Und wir müssen nicht mehr warten. 

 

Ob, wer so denkt, spürt, wie er seinen eigenen Glauben belastet? Wenn er meint, es sei alles gut. Und dann ist es doch nicht gut im Alltag, im persönlichen Leben. Das Leben ist eingeschränkt. Es ist bedroht. Fragen tauchen auf und bedrängen den Glauben. Wo ist Gott? Warum hilft er nicht, jetzt? Sofort?

Aber: Wir stehen nicht über dem Volk Israel, sondern neben ihm! Können wir versuchen, keinen Haken hinter Gottes Verheißung zu machen: Erfüllt! Sondern warten – wie das Volk Israel? Siehe, es kommt die Zeit.

 

Es kommt etwas, das jetzt noch nicht da ist. Es ist keineswegs alles gut. Die großen Verheißungen Gottes stehen aus. Auch für uns. Auch für Sie und mich. Die ungewohnte Situation, in der wir uns seit vielen Wochen befinden und die sicher auch noch lange so bleiben wird, zeigt: Wir stehen neben dem Volk Israel. Die Erfahrungen in diesen Wochen und Monaten lassen mich beten mit den Worten Israels: Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir!

 

Dann sitzen wir dort, wo wir häufig sitzen. Und doch anders, in kleiner Zahl und weit auseinander. Mit Mundschutz, dürfen nicht singen und musizieren, wie früher. Dürfen uns nicht begrüßen und verabschieden, wie wir es gerne täten, dürfen nicht beim Gemeindenachmittag zusammen sein. Sondern warten. Warten, dass kommt, was Gott versprochen hat.

 

Und trotzdem: Ich möchte dankbar dafür sein, wie gut es mir geht. Dass ich habe, was ich zum Leben brauche. Dass ich halbwegs gesund bin und ganz eng mit vielen lieben Menschen verbunden bin. Natürlich vermisse ich die offene Gemeinschaft. Den gemeinschaftlichen Gesang. Den guten Austausch nach dem Gottesdienst draußen vor der Tür. Das alles geht jetzt nur mit Abstand. 

 

Wie gesagt, ich vermisse es, aber es ist für mich auch kein Drama, dass sich unsere Gespräche, unsere Gottesdienste der Situation anpassen, und ich denke mir, die gesunde Distanz bringt uns schneller wieder zusammen. Es gibt kein: Jetzt. Sofort. 

 

Wir warten. Ich warte. Das gehört zu dieser Lage dazu. Es gehört zu meinem Glauben dazu. Zu warten, dass Gottes Verheißung sich erfüllt. Und das Leben bestimmt.

 

Siehe, es kommt die Zeit. Und dann glauben wir nicht nur. Dann sprechen und bekennen wir nicht nur.  Dann erleben wir. Dann ist Gottes Nähe nicht bloß im Kopf und auf den Lippen. Sondern im Herzen ganz in uns. 

 

Was in meinem Herzen wohnt, bestimmt mein Leben. Was ich denke. Was ich glaube. Was ich hoffe, Worauf ich mich freue. Wen ich liebe. Wer mich liebt. Was ich liebe.

 

Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben Wie gut, dass du, Herr, diese Verheißung wahrmachst. Ich vertraue dir. Dass du es gut mit mir meinst. Dass du eine Zukunft für mich hast, auch wenn ich sie jetzt nicht sehe. Dass du mir meine Zweifel vergibst, meine Ungeduld, meine Forderungen, meine Enttäuschungen. Dass du mich auf deine Zukunft mit uns hoffen lässt; dass du mich lieben lässt, die, mit denen ich lebe, die, die leiden. Dass du mich warten lehrst. 

 

Auf die Erfüllung deiner Verheißung. Siehe, es kommt die Zeit. Mit deiner Hilfe warte ich darauf geduldig. Und bis dahin bete ich mit vielen anderen, die zu dir und deinem Volk gehören: „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir!“ Amen.

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