Karfreitag

Pfr. Dr. Harald Wahl

Als ich vor einigen Wochen alle Formen der Verkündigung im Radio und Fernsehen und auch im Internet für die Gemeinde zusammengestellt habe, da bin ich auch auf das DomRadio in Köln gestoßen. Die Internetplattform der Kirchengemeinde mit dem berühmten Dom (www.domradio.de). Dort fand ich viele geistliche Impulse, Gottesdiente und Berichte – aus dem Rheinland und der ganzen, großen christlichen Welt.

 

Bei einem der Besuche las ich dann eine Geschichte, die mich tief berührt hat – und die mich noch immer und in der Karwoche ganz besonders bewegt. In Bergamo, im europäischen Epizentrum der Seuche, sind immer wieder die Priester als einzige Außenstehende auf die Intensivstationen gegangen und haben die Sterbenden begleitet und mit ihren smartphones Abschiedsphotos von den Verstorbenen für die Angehörigen gemacht, einen letzten Kontakt aus der abgeriegelten Welt des Todes zu den Familien hergestellt. Ein einsamer Tod auf der Intensivstation, wie bei Jesus – allein am Kreuz: „Und er neigte sein Haupt und verschied!“ (Joh 19, 30).

 

Einer dieser Priester ist dann mit 72 Jahren selbst so schwer erkrankt, daß er auch auf die Intensivstation mußte. Doch da waren mehr Schwerstkranke als Beatmungsgeräte. Als er dann beatmet werden sollte, hat er für sich, aus seinem Glauben, in seiner Hoffnung entschieden: „Gib´ das Gerät dem jungen Mann da!“ Im Angesicht des sicheren Todes gibt er sein Leben für einen anderen – wie Jesus. Und der junge Mann da, war auch nicht mehr so jung, er war 59 Jahre alt - so alt wie ich.

 

Der Priester ist bald darauf verstorben, wie es „dem jungen Mann da“ geht, weiß ich leider nicht. Diese kleine Szene, die sich in unterschiedlicher Gestalt tagtäglich irgendwo ereignet, erinnert mich an ein großes Wort aus dem Talmud, der jüdischen Bibelauslegung: „Wer nur einen Menschen rettet,“ heißt es dort, „der rettet die ganze Welt.“

 

In den Tagen vor dem Karfreitag kam mir immer wieder dieser Priester in den Sinn. In unseren Gemeinden läuten an Karfreitag zur Todesstunde Jesu die Totenglocken. Und sie erinnern an dieses Sterben Jesu, sie erinnern, daß er sein Leben gibt für viele, für uns. Jesus schreit in dieser Todesstunde seine Angst, seine Verzweifelung heraus in die Welt: „Mein Gott, mein Gott – warum hast du mich verlassen!“ (Mt 27,46).

 

Doch sein Schrei aus dem Abgrund des Lebens im Sterben stiftet im Moment der tiefsten Gottverlassenheit eine neue, untrennbare Beziehung zu seinem Vater im Himmel. Sein Schrei ist an Gott gerichtet, seine Verzweifelung hat ein Ziel und einen Grund. Im Bombenhagel von Dresden schrieb der Sachse Arno Pötzsch genau aus diesem Gottvertrauen heraus: „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand“ (EG 533,1).

 

Dieser verzweifelte Todesschrei Jesu wird von der Gewißheit getragen, daß er nicht aus der Hand Gottes fallen kann. „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“ betet und bittet er später für sich selbst (Lk 23,46). Jesus trägt die Gewißheit seiner Erlösung – doch als Mensch muß er für uns den Tod selbst durchleben und durchleiden. Gott stirbt am eigenen Leib – in Jesus.

 

Und doch: Ostern beginnt schon am Kreuz. Das wußte auch einer der beiden Übeltäter, die mit Jesus zusammen gekreuzigt werden. Er erkennt im Sterben Jesu die Liebe Gottes, er sieht den Retter der Welt neben sich hängen und bittet ihn um Erlösung „Wahrlich, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!“ verspricht ihm Jesus darauf hin (Lk 23,43). Und sein Wort gilt, darauf können wir uns verlassen. Es ist nie zu spät für dieses Bekenntnis zu Gott. Die Hoffnung wird am Kreuz geboren.

 

Karfreitag - in dem Moment der Folter und angesichts der eigenen Endlichkeit, des bitteren Todes bricht die österliche Hoffnung der Überwindung des Todes und des himmlischen Friedens schon am Kreuz an. In diesem Augenblick wird das Kreuz zum Symbol des Lebens.

 

Diese Hoffnung wirkt auch heute – überall. Der Glaube ist stärker als der Tod in ihm bricht das himmlische Paradies schon jetzt in unserer Welt an. Von dieser Hoffnung war der Priester in Bergamo beseelt, dieser Glaube hat ihn bis in den Himmel getragen. Er hat mit seinem Leben ein einziges Leben gerettet und damit die ganze Welt - wie Jesus.

 

Aus dieser Hoffnung können wir alle leben – gerade in diesen schweren Zeiten. Daran mögen uns die Glocken erinnern, wenn Sie morgen zur Todesstunde Jesu in unseren Kirchen läuten: Ostern beginnt am Kreuz.

 

Ihnen und Ihren Familien wünsche ich im Angesicht des Gekreuzigten einen trostvollen Karfreitag. Ostern beginnt am Kreuz!

 

Bleiben Sie behütet!

 

Ihr 

 

Harald Wahl, Pfarrer

 

 

 

Gebet zum Totensonntag nach Hohelied 8

von 

Hanns Dieter Hüsch

 

Die Liebe eines Menschen

kannst du nicht begraben, 

sie mit Erde zuschaufeln,

wie Urnenasche in den Wind zerstreuen.

 

Die Liebe eines Menschen

vervielfältigt sich mit seinem Tod

unter den Lebenden tausendfach,

die Liebe kannst du nicht begraben.

 

Du siehst es bei Jesus aus Nazareth:

Die Liebe eines Menschen 

weckt die Schlafenden,

tröstet die Traurigen,

ermutigt die Hoffnungslosen.

 

Die Liebe dieses Jesus

lehrt die Stummen eine neue Sprache,

ist für die Blinden neues Licht,

bringt den Lahmen das Gehen bei.

 

Viele von uns

haben es am eigenen Leib erfahren

und bewahren es im Herzen.

 

(aus: Hanns Dieter Hüsch/Uwe Seidel, Ich stehe unter Gottes Schutz. Psalmen für Alletage, 1996, Seite 122)

 

 

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