Predigt zum 1. Sonntag nach Ostern

von Pfrin. Katharina Wagner, Geismar

 Jesaja 40,26-31

 

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Un- vermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

 

Liebe Gemeinde!

Wie wäre es so schön, wenn wir es machen könnten wie die Adler: einfach unsere Schwingen er- heben und fortfliegen, ganz weit weg, dorthin, wo es kein Coronavirus gibt und wir uns wieder so frei bewegen können, wie wir es früher einmal konnten.

Früher, das heißt: vor der Coronakrise. Das ist gerade einmal fünf Wochen her, kaum zu glauben, aber wahr. Es waren zuerst nur kleine Einschränkungen, die die Ausbreitung des Coronavirus mit sich brachte. Es waren Einschränkungen, die viele von uns gar nicht so sehr betroffen haben. Großveranstaltungen konnten nicht mehr stattfinden. Wir sollten darauf verzichten, uns die Hand zu geben. Aber dann, ab dem 15. März, wurden es immer mehr Beschränkungen der persönlichen Freiheit, bis wir dahin gekommen sind, wo wir jetzt stehen. Wir leben mit einem Kontaktverbot. Nur noch wenige Geschäfte sind offen. Die Kinder können nicht in die Schule und nicht in den Kin- dergarten gehen, und auch viele Erwachsene sind zuhause, und zwar nicht immer ganz freiwillig.

Manche arbeiten von zuhause aus, andere sind aber auch in Kurzarbeit geschickt worden und müssen abwarten, wie es nun mit ihrer Arbeitsstelle weitergeht. Und viele, besonders ältere Men- schen sind nun die meiste Zeit ganz alleine zu Hause oder im Seniorenheim und können dort nicht einmal von ihren Angehörigen besucht werden. Es ist eine harte Zeit.

Das Osterfest ist in diesem Jahr gekommen und es ist wieder vorbeigegangen. An der Situation hat sich nichts geändert. Wir haben die Auferstehung Jesu gefeiert, aber wir selbst sind nicht aus die- sem Alptraum herausgekommen. Es hat sich erst einmal nichts geändert an unserer Situation. Wir müssen weiter Abstand halten, wir müssen auf vieles verzichten und sowieso am besten nur zu- hause bleiben. Aber bei diesem schönen Wetter möchte man doch eigentlich lieber raus, und das nicht nur in den eigenen Garten. Wobei die meisten von uns noch das Glück haben, einen schönen Garten zu haben, anders als die Leute in der Stadt, die oft in kleinen Wohnungen leben müssen!

Mit Spannung haben viele den vergangenen Mittwoch erwartet, als die Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer darüber beraten hat, wie es nun weitergehen kann in unserem Land. Das Ergebnis ist, dass es Lockerungen geben wird. Aber nur schrittweise werden die Einschränkungen aufgehoben werden. Nur ein paar Geschäfte öffnen, nur ein Teil der Kinder kann erstmal wieder in die Schule. Und Gottesdienste wird es erst einmal auch nicht wieder wie vor der Krise geben, zu denen jeder hingehen kann. Gottesdienste werden erst einmal weiter nur im In- ternet, im Fernsehen und im Radio, ohne Gemeinde stattfinden. Oder die Gottesdienste werden aufgeschrieben und an Sie verschickt!

Fest steht jedenfalls: Wir alle werden viel Geduld und einen langen Atem brauchen, bis wir sagen können, dass wir diese Krise überstanden haben.

Wenn die Stunden immer länger werden, es immer schwieriger wird, das Alleinsein auszuhalten oder aber es schwierig ist, mit der Familie auf engstem Raum zusammenzuleben, was ja auch zu einigen Konflikten führen kann, entsteht manchmal die Frage, ob Gott überhaupt da ist und dieses ganze Schlamassel sieht. Und wenn Gott es sieht, warum er dann eigentlich nichts tut. Er könnte doch bestimmt einfach seine Engel schicken, die uns vor dem Virus behüten und das Virus selbst aus dieser Welt vertreiben. Warum tut er das eigentlich nicht, ist die Frage.

Wie die Israeliten könnten wir jetzt versucht sein zu sagen, dass Gott überhaupt keine Notiz von uns und von unserem Elend nimmt, von den Schwierigkeiten, mit denen wir uns plagen und den Einschränkungen im alltäglichen Leben, von denen wir geplagt werden.

Viele Menschen beten in diesen Tagen mehr als sonst um Gesundheit und um Kraft, für sich selbst, für ihre Familie, und für alle, die in so genannten systemrelevanten Berufen arbeiten – Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, Supermarktangestellte, Betreuer. Aber Gott scheint nicht immer zu antworten auf die Gebete. Es gibt immer noch viel zu viele Menschen, die sich mit dem Virus anstecken, viele Menschen, sogar viele jüngere Menschen, die an dem Virus sterben, und viele Menschen, die unter den Folgen des Virus leiden, also zum Beispiel ihre Arbeit verlieren oder wichtige Prüfungen und Entscheidungen aufschieben müssen. Gott müsste doch endlich eingreifen und dem ein Ende machen, denken viele Menschen, und dieser Gedanke ist verständlich.

Aber als erstes ist festzustellen: Gott schaut nicht weg. Er sieht, was geschieht, und er will auch eingreifen. Das heißt jedoch nicht automatisch, dass er sofort das Virus aus dem Weg schaffen wird. Das ist zwar unsere Hoffnung, aber es ist offenbar nicht das, was Gott vorhat. Seine Wege sind manchmal für uns nicht gut zu verstehen, und ganz offensichtlich ist es diesmal auch so: Gott hat einen anderen Weg mit uns vor, als wir uns das ausgemalt haben.

Da sind wir aber bei der zweiten Feststellung. Das, was gerade passiert, bedeutet nämlich keines- wegs, dass Gott nicht da ist und uns hilft. Gott ist zu jedem Zeitpunkt dieser Krise für uns da. Gott ist nicht zu müde dafür, uns zu helfen. Er hilft denen, die selbst müde und ausgelaugt sind von der vielen Arbeit, die sie leisten müssen, und die nicht wissen, wie es weitergehen kann bei den vielen Problemen, vor denen sie stehen. Er gibt uns allen neue Kraft, und daran sollten wir uns festhal- ten. Das ist eine Hoffnung, die nicht enttäuscht werden wird, anders als manche Hoffnungen, die uns andere machen, dass die Einschränkungen durch das Virus bald schon vorbei sein könnten.

Denn natürlich brauchen wir auch diese Hoffnung, dass irgendwann endlich das Virus besiegt oder zumindest genug eingedämmt ist, dass wir wieder in Freiheit weiterleben und die Dinge tun kön- nen, die uns jetzt verboten sind. Aber wichtiger ist die Zusage, dass wir für die Zeit, in der wir noch mit dem Virus leben müssen, von Gott Kraft kriegen. Denn wir wissen ja nicht, wie lange das alles möglicherweise noch dauert. Und in dieser Zeit, ob es nun noch einige Wochen oder sogar noch einige Monate sind, ist es ganz wichtig, dass wir weiter leben. Also Leben nicht im Sinne von Über- leben, sondern dass wir auch in dieser Zeit gerne und mit Hoffnung leben, dass wir jeden neuen Tag aus Gottes Hand empfangen und uns an den Dingen freuen, die Gott uns schenkt. Viele Men- schen sind jetzt näher zusammengerückt. Gerade da, wo man sich nicht mehr so oft sehen kann, ruft man sich öfter an oder schickt einen Gruß. Und wir lernen wieder zu schätzen, was wir alles haben und was wir für ein schönes Leben führen können, trotz Corona. Wenn wir die Augen öff- nen, sehen wir, was uns beflügeln kann.

 

Gebet

 

Gott, verleihe uns in diesen Tagen die Flügel, die wir so dringend brauchen, dass wir über die Nöte und Ängste unserer Zeit hinweg auf das schauen, was uns trägt und Hoffnung gibt:

die Aussicht darauf, dass es auch in den nächsten Wochen Schönes zu erleben gibt,
die Zuversicht, dass wir nicht für immer von einer schlimmen Pandemie unterdrückt werden, die Hoffnung, dass du kommst, um uns von aller Krankheit und vom Tod zu erlösen.

Wir bitten dich für die Menschen, die besondere Angst haben,
für die Menschen, die schon erkrankt sind, dass du ihnen und ihren Familien beistehst.

Wir bitten dich für alle, die im Gesundheitswesen und im Versorgungswesen arbeiten, dass du ihnen Kraft für ihren schweren und oft sogar gefährlichen Dienst schenkst, und dass du sie, so wie uns alle, vor der Ansteckung mit dem Virus bewahrst.

Unser aller Leben legen wir in deine Hand. Gib uns neue Hoffnung für jeden neuen Tag, lass uns mit jedem Tag wieder neu geboren werden und erfrischt aufwachen.

Amen.

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