Gedanken zum Sonntag Rogate (betet)

Pfr. Uwe Heese, Rengershausen

Liebe Kirchenkreisgemeinde,

 

Not macht erfinderisch! Oder: „Not lehrt beten“ – Wir kennen solche viel zitierten Sprichworte unseres Volkes, die es übrigens auch in anderen Sprachen gibt, weil sie so wahr sind. So selbst-verständlich. Der an sich wenig beachtete Sonntag „Rogate“ am 17. Mai 2020 passt gut in unsere Zeit. Sein Aufruf erfüllt vielen ein Anliegen. Nämlich zu beten. In sich zu gehen; innerlich einzu-kehren; sich den Fragen des Lebens erneut zu stellen in einer Zeit wie dieser, die wir gerade erleben, nämlich den Wochen und Monaten der Corona- Pandemie.

 

„Betet!“ … So lautet der Name des heutigen Sonntags. Sein Grundthema ist ein Aufruf! – Ein Imperativ! – Eine Befehlsform. Und in Eile gesprochen, wie wenn bei Wettkämpfen in der Leichtathletik gesagt wird: Auf die Plätze – Fertig – Los! … Und nachdem „Los!“ gesagt wurde, ist keiner der Athleten mehr zu halten. Nun gilt’s!

 

Die kirchliche Perikopenordnung konzentriert ihre Texte zum Gebet und ihre Lieder dafür auf diesen einen Sonntag. Gleichzeitig wird- oder wurde in der Vergangenheit dieser besondere Sonntag in den Evangelischen Kirchen als Missionssonntag gefeiert, dem die Missionsopfer-woche folgte. Zum Ausklang der freudenreichen Osterzeit, die bekanntlich mit dem Himmel-fahrtstag endet. Eine Reihe von drei Sonntagen des freudigen Festkreises, die aufeinander folgend Anlass für Freude und zum Feiern sind: Los, liebe Gemeinde: Jetzt gilt’s: „Betet!“

 

Die eine oder der andere mag sich noch fragen, was dieser Sonntag nach der Auferstehung denn mit solch freudiger Ekstase zu tun haben kann; mit sprühender Ausgelassenheit, wenn es heute heißt, zu beten. Tut man das denn sonst nicht ausschließlich in der Not?! Dann, wenn es einem schlecht geht. Dann, wenn man Unheil erwartet oder befürchtet. So, wie auch Jesus in der Not gebetet hat und die Propheten vor ihm?! Wie war das denn, als Hagar mit ihrem schon sterben-den Sohn in der Wüste war und nur noch den Tod durch Verdursten erwartet hat. Oder als Hanna – trotz allem, was dagegen sprach – später ihren Wunsch doch noch erfüllt bekam, dass sie Mutter werden konnte. Als Abraham gebetet hat oder Mose, um das Volk vor dem Ende zu bewahren. Oder als Elia unter dem Wachholderbusch in tiefer Erschütterung und scheinbarer Ausweglosigkeit gebetet hatte und Gott darum bat, ihm nur noch den einen Wunsch zu erfüllen, dass er nämlich sterben dürfe: „So nimm denn Herr, meine Seele!“. Oder als David die Totenkla-ge hielt über seinen gefallenen Freund Jonathan. Gebete, die in der Not gesprochen wurden!

 

Aber wie schön sind doch andererseits die Lobgebete in unserer Bibel: Der alte Simeon, der nur darauf wartete den Sohn Gottes zu sehen und dann, selig, sterben zu dürfen. Und als er Maria mit Josef im Tempel traf nach der Geburt Jesu, dankte er Gott uns sprach: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast. Denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast allen Völkern. Ein Licht zu erleuchten die Heiden, und zum Preise deines Volkes Israel.“ … Ähnlich euphorische Gebete kennen wir von Maria und Hanna, oder aus dem Mund des Königs Salomo, der das Tempelweihgebet sprach. Sehr ernste Gebete sind uns dagegen von Jesus überliefert, so das hohepriesterliche Gebet, Johannes 17, oder das Vater unser, das in diesem Jahr am Sonntag Rogate Predigttext ist.

 

Gebete also nicht nur in der Not, sondern zu allen Anlässen. Der frühere tamilische Bischof, Johnson Gnanabaranam, der mit seiner deutschen Frau auch schon einmal unser Kirchspiel Rengershausen besucht- und hier gepredigt hatte, nannte eines seiner meditativen Bücher „Täglich rede ich zu dir!“ und meinte damit sein tägliches Gebet; die Zwiesprache mit Gott, das Allein-sein-Können mit Gott. In den Klöstern treffen sich die Mönche und Nonnen alle drei Stunden zum Gebet; dort gehört das Gebet als eine wesentliche Daseinsform des Menschen zum Tagesablauf dazu. Und wenn sonntags die Gemeinde in den Gottesdiensten das Vater unser betet, läuten unsere Glocken um denen, die nicht zum Gottesdiensten kommen konnten zu signalisieren, dass jetzt dieses besondere Gebet gesprochen wird. Dass dies die Zeit ist, inne zu halten und mitzubeten, wo immer man sich auch befinden mag. … Manche Menschen beten eine Stunde am Tag-, manche situationsbezogen, andere zu festgelegten Zeiten.

 

Denken wir auch an unsere Fußballer: Sie beten vor dem Fußballspiel. Oder denken wir an die Boxer vor einem Kampf: „Das ist eine ganz merkwürdige Stimmung in der Umkleidekabine“, sagte mir der Manager eines jungen Box- Meisters im Supermittelgewicht, mit dem ich bekannt war und der mich zu seinem nächtlichen Kampf nach Eisenach eingeladen hatte: „Die sitzen da nämlich vor ihrem Kampf und man kommt auch nicht mehr an sie ran: Die beten!“

 

Betet ohne Unterlass! sagt uns der Apostel Paulus. In der Ostkirche hat man daraus eine Tugend gemacht: Dort hat man den Hesychasmus entwickelt, das immerwährende Herzensgebet. Und wenn ich mit Mönchen der Ostkirche rede merke ich jedes Mal: die tun gleichzeitig zwei Dinge: Einmal reden sie mir, und zur selben Zeit beten sie. Ein Gebet, das der inneren Ruhe dient und das Tag und Nacht gesprochen-, geflüstert oder im Herzen meditiert wird. Dieses Herzensgebet besteht nur aus den wenigen, immer wiederholten Worten, deren Silben den Herzschlägen fol-gen (daher der Name) und mit der Atmung koordiniert werden: „Herr Jesus Christus, Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich meiner“ (oder: „Erbarme dich unser“). Weiterer Worte bedarf es für einen Christen in Wirklichkeit ja auch nicht! – In der Ostkirche hat man daraus ganze Anleitungen zum Leben entwickelt, Eine Gebetssammlung etwa, die „Philokalie“ genannt wird; zu deutsch: „Liebe zur Schönheit“ und die auf dem Berg Athos, einer eigenständigen griechischen Mönchsrepublik, vor langer Zeit entstanden ist. Denn welche andere überweltliche Schönheit kann es sonst geben, fragt man sich aus dieser Perspektive, als das Gebet.

 

In der alten Kirche Äthiopiens ist das Gebet verbunden mit dem sakralen Tanz und dem Singen der Mönche, die ganze Nacht hindurch, bis zum neuen Morgen. Und der deutsche Dichter Rainer Maria Rilke schrieb in seinem „Stundenbuch“ in der Zwiesprache mit Gott: Ich glaube an alles noch nie gesagte, ich will meine frömmsten Gefühle befrein. Was noch keiner zu wollen wagte, wird mir einmal unwillkürlich sein. – Ist das vermessen, mein Gott, vergib. Aber ich will dir damit nur sagen: Meine beste Kraft soll sein wie ein Trieb, so ohne Zürnen und ohne Zagen; so haben dich ja die Kinder lieb. – Mit diesem Hinfluten, mit diesem Münden in breiten Armen ins offene Meer, mit dieser wachsenden Wiederkehr/ will ich dich bekennen, will ich dich benennen/ wie keiner vorher. – Und ist das Hoffahrt, so lass mich hoffärtig sein/ für mein Gebet, das so ernst und allein/ vor deiner wolkigen Stirne steht. … Auch so, wie der Dichter spricht, kann man beten.

 

Ich war gar nicht verwundert, als ich in einer mehrteiligen Dokumentation über die frühe Ent-wicklung der Menschheit, die von einem internationalen Team von Naturwissenschaftlern aufwendig gedreht wurde, den Hinweis hörte, dass hierin der Unterschied zwischen dem Menschen und den Tieren liege: Im Denken über sich hinaus. Im Gebet! Als der erste Mensch aus einer Gruppe von Menschen plötzlich anfing zu beten und seine Toten zu bestatten, an dem Tag innerhalb der Millionen Jahre unserer Entwicklung, an genau diesem einen Tag, fand nämlich die Trennung statt zwischen dem Menschen und dem Tier. Der Mensch ist Mensch, weil er betet.

 

Lassen Sie deshalb diese drei kirchlichen Antidepressiva der aufeinander folgenden Sonntage mit den Befehlsaufrufen Juilate, Kantate und Rogate; Jubelt, Singt und Betet, für uns Anlass sein und werden für Freude und Begeisterung, lassen Sie uns trotz Corona, viele von uns in ihrem eigenen Zuhause, zu Gott reden, indem wir jubeln, singen und beten. Amen.

Seite durchsuchen

Kirche von zu Hause

Das Coronavirus schränkt  das Leben ein. Natürlich ist Kirche davon nicht ausgenommen. Deswegen hat die EKD einige Alternativen zusammengestellt, wie der Glaube auch ohne Ansteckungsgefahr gelebt werden kann.

Jahreslosung 2020

#gutezeichen